Die Sicherheit, Recht zu haben

Stadthafen von Galaxidi mit Segelbooten am Kai

Der Stadthafen von Galaxidi ist fast leer.

Unser Anker ist ausgebracht, die Heckleine am Kai befestigt, Platz in Hülle und Fülle. Dann kommt ein größeres Motorboot und legt natürlich genau neben uns an. Gefühlt fällt sein Anker dabei über die Ketten von zwei bereits festgemachten Segelbooten. Eines davon ist unseres.

Die Aufregung ist groß. Die Französin am Nachbarschiff gibt den Ton vor, ich nehme ihn dankbar auf, ich liege ja unmittelbar daneben. Es dauert nicht lange und ich bin der Rädelsführer.

Ebenso schnell sind wir bei den üblichen Vorurteilen angekommen. Motorbootfahrer haben keine Ahnung vom Ankern und mit Wind nichts zu tun, und überhaupt sind wir Segler die, die es wirklich können. Einer bestätigt den anderen, und bald ist klar, mit wem wir es hier zu tun haben.

Der Skipper versucht noch zu beruhigen. Er fährt morgen ohnehin früh weg. Wir hören das, wir wollen es nur nicht hören. Schließlich geht er einfach seine Wege.

Am Abend komme ich zufällig mit ihm ins Gespräch, allein, ohne Französin und ohne Publikum. Er erzählt, dass er an diesem Tag mehr als sechs Stunden unter ausgesprochen schwierigen Bedingungen unterwegs war, mit viel Wind und Welle. Wir unterhalten uns eine Weile. Eigentlich ein sympathischer Typ.

An seinem Anker hat sich damit nichts geändert, an meinem Bild von ihm sehr wohl.

Das kenne ich nicht nur vom Stadthafen.

Neun Jahre war ich Vertriebsvorstand. Die Produkte und Preise, die wir bekamen, waren „unmöglich“ zu verkaufen. Da waren sich alle über die Bereichsgrenzen einig. Die einen wussten, dass wir nicht verkaufen konnten. Wir wussten, dass man das nicht verkaufen konnte. In beiden Lagern gab es genügend Menschen, die sich da wechselseitig bestätigten.

Verkauft haben wir natürlich trotzdem. Unsere Produkte waren nie unverkäuflich, und wir hatten den besten Vertrieb, den wir hatten. Das wussten alle, geändert hat es an der Grundeinstellung nichts.

Solche Überzeugungen zeigen eine erstaunliche Haltbarkeit. Argumente prallen ab, neue Informationen werden passend gemacht und was nicht ins eigene Bild passt, ist eben die Ausnahme.

Mir half zunächst eine Rotation. Nach neun Jahren im Vertrieb übernahm ich die Verantwortung für Produkte und Preise. Also genau für das, was sich angeblich nicht verkaufen ließ. Das war bewusst so angelegt. Wer die andere Seite verstehen soll, muss manchmal selbst auf ihr arbeiten.

Natürlich ist so ein Funktionswechsel ist oft nicht praktikabel und in der Regel auch nicht notwendig. Manchmal reicht es, bei der Ausnahme eben nicht wegzuschauen. Wenn der Vertrieb sagt, mit diesen Preisen sei ein Produkt unverkäuflich, ist die interessante Frage: Bei welchem Kunden funktioniert es denn trotzdem? Was ist dort anders?

Auch das gehört für mich zu Führung. Nicht jede festgefahrene Meinung mit einer besseren Gegenmeinung zu bekämpfen, sondern wieder Bewegung in sie zu bringen. Eine einzige konkrete Ausnahme kann da manchmal mehr bewegen als zehn gute Argumente. Mein Motorbootfahrer am Abend war so eine Ausnahme.

Ob das gelingt, ist auch eine Frage der Unternehmenskultur. Sie zeigt sich für mich daran, ob jemand in der eigenen Runde sagen kann, dass die anderen vielleicht doch nicht ganz unrecht haben, ohne danach alleine am Kai zu stehen.

Am nächsten Morgen legt der Motorbootfahrer als Erster ab. Die Anker sind frei. Ob sie je blockiert gewesen wären, werden wir nie erfahren.

Weiter
Weiter

Dort gibt es einen Bahnhof